Monte Luschari: Slowenische Wallfahrt

Religion im Dienste eines Volkes

2.8.2020  Monte Luschari – Slowenische Wallfahrt: 32.Treffen der „Drei Slowenien“. Es ist dies ein Treffen von Slowenen des „Mutterlandes“, des benachbarten Auslands und der Migration. Der Kärntner Dechant Janko Krištof hält eine nationalpolitische Ansprache zur Lage des slowenischen Volkes. Die Teilnahme von Bischof Josef Marketz wird kurzfristig abgesagt.

„Hundert Jahre Widerstand, Versprechungen und Betrügereien – die Kärntner Slowenen zwischen der Eigenständigkeit und der Anbindung (Verbindung, Verknüpfung) an den gesamten Volkskörper“, lautete das nationalbetonte Thema des Kärntner slowenischen Priesters. 
Krištof zelebrierte selbst die hl. Messe. Auf dem diesbezüglichen Bild ist das slowenische Staatswappen, nicht jedoch ein Kreuz erkennbar.1
Janko Krištof erwähnte in seiner Ansprache zunächst Erfreuliches. In Kärnten habe sich die Atmosphäre in den letzten Jahren sehr verbessert. Landeshauptmann Peter Kaiser spreche immer auch einige slowenische Worte und zeige offen die Sympathie zu den Kärntner Slowenen: „Wenn wir die politische Atmosphäre der vergangenen Jahrzehnte und die ausgesprochen antislowenische Einstellung aller drei größeren Parteien bedenken, dann müssen wir anerkennen, dass es eine derart angenehme und günstige Situation noch nicht gegeben hat. Ich behaupte nicht, dass alles in Ordnung sei. Auch nicht, dass wir Kärntner Slowenen uns nun zurücklehnen und mit unseren Forderungen aufhören können. Es ist aber nun ein günstiger Augenblick gekommen, dass wir es wagen, noch den einen oder anderen verborgenen Wunsch laut auszusprechen. Und einige tun dies bereits. Zum Beispiel Olga Voglauer“.
Als Vorsitzender des Christlichen Kulturverbandes regte der Priester Krištof an, dass am 10. Oktober auf dem Neuen Platz in Klagenfurt slowenische Chöre demonstrativ slowenische Lieder singen. Damit sollte der Kärntner Öffentlichkeit bewiesen werden: „Wir sind hier und wollen weiterhin als Slowenen auf diesem Boden leben“. Dieser Auftritt erübrige sich laut Krištof, da seitens des Landes Kärnten das slowenische Lied bereits im selben Ausmaß berücksichtigt worden ist.2
Krištof kommt auch auf das „zentrale Slowenien“ zu sprechen und kritisiert das Auftreten des ehemaligen slowenischen Regierungschefs Marjan Šarec. Šarec pflege eine „seit jeher bekannte Taktik der Linken“.
Krištof wörtlich: „Vielleicht steht mir das als Priester nicht zu, ich werde aber noch einen erfreulichen Hinweis wagen, der mich in den letzten Monaten berührt: (…) Ich freue mich, dass es Janez Janša gelingt, mit seinem respektvollen Umgang mit den Koalitionspartnern einen Ausgleich und eine innere Einheit zu bewahren. (…) Während Klagenfurt im 19. Jahrhundert für die Slowenen noch als eine bedeutende slowenische Stadt und Kärnten mit einem Drittel slowenischer Bevölkerung als starker nationaler Faktor galten, sind unsere Kraft und unsere Bedeutung für den gesamten slowenischen Kulturraum im 20. Jahrhundert stark gesunken. Kaum war die Volksabstimmung für Kärnten gewonnen, vergaß das Land alle Versprechungen, die es unserem Volk vor der Abstimmung abgegeben hatte. (…) Der Druck war so stark, dass namhafte Kärntner Slowenen massenweise in das sogenannte Mutterland übersiedelten. (…) Die Behörde sorgte dafür, dass es keinen Zuwachs an neuen Lehrern gab. Sie achtete insbesondere darauf, dass es aus nationalbewussten slowenischen Familien nicht mehr Kinder gab, die ausgebildet werden könnten. Wenn man dies in Einzelfällen zuließ, dann musste vorher eine Erklärung unterschrieben werden. (…) Zwecks zusätzlicher Entnationalisierung haben sie damit begonnen, in unseren slowenischen Dörfern planmäßig Deutsche, größtenteils aus dem Sudetenland, anzusiedeln. (…) Nach dem Krieg kehrte der Großteil der Ausgesiedelten in ihre ausgeräumten und verwüsteten Heime zurück. Bald kommt es zur bitteren Erkenntnis, dass der deutschnationale und antislowensiche Geist eine Konstante geblieben ist. (…) Es ist sehr bedeutsam, dass die Hermagoras mit Hilfe von Flüchtlingen (gemeint: aus dem kommunistischen Slowenien) in der Lage war, ihre Rolle zu erneuern und ihre Selbständigkeit zu bewahren. (…) Zu Beginn der 1970er Jahre kommt es unter Landeshauptmann Sima zur Aufstellung von zweisprachigen Ortstafeln. Es folgt eine vom Kärntner Heimatdienst organisierte Zerstörung und Demontage. In diesen Jahren werden wir Kärntner Slowenen wachgerufen. Das Slowenische Gymnasium bildete eine neue Generation selbstbewusster und kämpferischer (sic!) Schüler, Studenten und Intellektueller aus. Es folgen Demonstrationen in Klagenfurt und Wien. Eine der Maßnahmen betraf auch ein neuerliches demonstratives Aufstellen von zweisprachigen Aufschriften. Im Land herrschte eine starke Spannung, eine Atmosphäre von Gewalt. Das Selbstbewusstsein unter uns wuchs, wir verloren aber ständig das Hinterland. Unser politisches Auftreten hat aber schrittweise auch Früchte getragen: wir bekamen eine Handelsakademie, eine Schule für Wirtschaftsberufe, Kindergärten, eine Volksschule in Klagenfurt, eine bessere mediale Versorgung, Radio, eine Fernsehsendung. Für jede Sache mussten wir aber kämpfen und sie erkämpfen. (…) Auch mich verpolitisierte in diesen Jahren der Kampf der Kärntner Slowenen um die Rechte: Ich nahm an allen Demonstrationen in Klagenfurt und Wien teil. Ich war dabei, als neue Tafeln in St. Jakob, in St. Kanzian und in Bleiburg aufgestellt worden sind. Ich nahm an Bahnhofsaktionen teil, als wir demonstrativ die Fahrkarten in slowenischer Sprache verlangten“.
(Hinweis: Der Priester lässt unerwähnt, dass die „Gewalt“ in den 1970er Jahren im Zusammenhang mit den gewalttätigen Demonstrationen auch Attentate und Morddrohungen enthielt und die „kämpferischen“ slowenischen Jugendlichen vom kommunistischen slowenisch-jugoslawischen Geheimdienst UDBA unterstützt bzw. geführt worden sind.
Der slowenische Forscher Igor Omerza zitierte diesbezüglich aus dem Tagebuch des slowenischen Regierungschefs Stane Kavčič. Demnach sollten die Attentate in Kärnten die Temperatur erhöhen und indirekt die jugoslawisch-österreichischen Beziehungen verschärfen. In dieser feindseligen Atmosphäre würden die innerjugoslawischen Probleme in den Hintergrund treten. Das seien Methoden, derer sich Stalin, Hitler u.a. bedienten, so Omerza.
Identische Einschätzungen enthält das Buch „Titos langer Schatten“: „Im politischen Ränkespiel benötigte Jugoslawien handfeste Beweise für den wachsenden Neonazismus in Kärnten. Mittels Sonderoperationen inszenierte Titos Geheimdienst gezielte Desinformationen und Sprengstoffanschläge. (…) Es war der jugoslawische Geheimdienst UDBA selbst und mit ihm den eigenen und den anderen Absichten dienende Helfershelfer aus der Minderheit, aber auch aus Kreisen der Mehrheitsbevölkerung, die Sprengstoffanschläge ausführten und Schmierkampagnen organiserten“.3 Laut Krištof wuchs in dieser Zeit das slowenische Selbsbewusstsein.)
Janko Krištof kam auch auf seine Lebensgeschichte bzw. seinen Migrationshintergrund zu sprechen. Seine Mutter kam aus Slowenien und auch sein Vater habe Verwandte in Slowenien. Der Onkel seiner Mutter, Pfarrer in Črna (Schwarzenbach) wurde im Jahre 1950 von den Kommunisten umgebracht. Krištof besuchte das Bundesgymnasium für Slowenen in Klagenfurt. Ein Jahr durfte er zu Studienzwecken in Laibach verbringen. Als Priester wollte er der Volksgemeinschaft (narodna skupnost) dienen.
Krištof: „Nach dem Sieg der Partisanenarmee wurde in Jugoslawien das kommunistische System eingeführt, das für alle Antikommunisten schrecklich war. Darüber, dass viele bereits in den ersten Monaten nach dem Krieg ermordert worden sind, konnte man schon viel lesen. Auch darüber, was die Priester und zahlreiche Gläubige erdulden mussten, die der Kirche treu bleiben wollten, wurde schon viel geschrieben. Dass fast alle Partisaneneinheiten sofort nach dem Krieg in dieses Morden und in Vertreibungen eingebunden waren, ist uns aber noch nicht genug bewusst geworden. Deshalb meine ich, dass es für den Kärntner Partisanenverband heilsam und notwendig wäre, dass er sich von diesem Teil seines Kampfes, oder von diesem Teil des Kampfes seiner Genossen, klar distanziert. (…) Heute sprechen sie soviel vom Antifaschismus und verstecken sich damit hinter dem Wort Kommunismus. (…)  Ein Mitbruder berichtete mir, dass er in der Pfarre einen älteren Mann hatte, der alles was Slowenisch war hasste. Er wollte noch vor dem Tod festlegen, dass bei seinem Begräbnis kein slowenisches Wort gesprochen werden darf. Nach dem Tod erfuhr mein Mitbruder von der Tochter des Verstorbenen, dass ihr Vater als Kind Zeuge war, wie die Partisanen seine Mutter vergewaltigten. Ja, auch bei uns in Kärnten haben die Partisanen schon in der Kriegszeit und danach eine unangemessene Gewalt ausgeübt und einzelne Personen und ganze Familien ermordet. Damit haben sie Schuld auf sich geladen. Was in den Gräben von Eisenkappel geschah, wissen einige noch und sie wissen auch Bescheid, warum die Feindschaft gegenüber den Slowenen in Diex so groß ist. (…) Auch ich selbst, wenn ich in Laibach bin, besuche das Rožman-Grab und bete dort für die nationale Versöhnung. Seinen Beitrag möge auch das alljährliche Treffen der Drei Slowenien auf Monte Luschari leisten. Dieses Treffen hat seine Wurzeln in der Tätigkeit des großen Märtyrers Lambert Ehrlich. Verbinden wir uns weiterhin alle, die wir demselben Volk angehören und in der Mutter Gottes auf Monte Luschari unsere mächtige Fürsprecherin erkennen, damit wir uns weiterhin allem widersetzen, was den Lebenspuls unseres Volkes lähmt und bremst“.4

Resümee
Die Ansprache im Rahmen der Wallfahrt ist aus folgenden Gründen als äußerst bedenklich zu bewerten:
– Die Priester Gregorij Rožman und Lambert Ehrlich arbeiteten vor 100 Jahren in der Zeit der Kärntner Volksabstimmung als slowenisch- jugoslawische Agenten für den Anschluss an Jugoslawien. Lambert stand der jugoslawischen Delegation in Paris als Experte zur Verfügung.
Krištof würdigt also aus Anlass des 100. Jahrestages der Kärntner Volksabstimmung die österreichischen Gegner.
– Die Landesregierung will heuer „gemeinsam Flagge zeigen“. Die Häuser sollen mit Fahnen in den Kärntner Landesfarben geschmückt werden. Damit soll die Bevölkerung ein sichtbares Zeichen für die Zugehörigkeit „zu ihrer Kärntner Heimat“ setzen. 5
Bei der Messfeier des Pfarrers Krištof wird hingegen die slowenische Nationalflagge gehisst.
– Krištof lobt ausdrücklich den slowenischen Regierungschef Janez Janša, obwohl dem Regierungschef in Slowenien eine rechtsextreme Politik zum Vorwurf gemacht wird. Die Kärntner Politik wird vom Pfarrer hingegen, mit Ausnahme des Landeshauptmannes Kaiser, generell kritisiert.
– Mit der Forderung der Verbindung der Kärntner Slowenen mit dem gesamten slowenischen „Volkskörper“ und dem Hinweis, dass alle Slowenen „demselben Volk“ angehören, verneint er klar eine Zugehörigkeit von Angehörigen der slowenischen Minderheit zum österreichischen Volk. Diese Verschränkung mit dem Staat Slowenien dürfte auch mit dem Ergebnis der Kärntner Volksabstimmung 1920 nicht übereinstimmen.
Der Priester Janko Krištof distanziert sich nicht von der „Gewalt“ im Kärnten der 1970er Jahre, als das Land am Rande eines Bürgerkriegs stand.
– Die Demontage von zweisprachigen Ortstafeln wurde laut Krištof vom Kärntner Heimatdienst „organisiert“. Diese Behauptung ist unwahr. Dazu gibt es aktuelle, historische Abhandlungen.
– Als besonders unchristlich ist die egozentrische, unterschiedliche Beurteilung der slowenischen Minderheit in Kärnten und der deutschen Minderheit in Slowenien zu werten. Der nationale Priester mit Migrationshintergrund verurteilt die Dezimierung der slowenischen Minderheit, die Vernichtung der deutschen Minderheit in Slowenien ist ihm jedoch keiner Erwähnung wert.6
   
Für konsensorientierte Kärntnerinnen und Kärntner, die um eine Aussöhnug und Verständigung sowie um eine Überwindung des völkischen Nationalismus bemüht sind, dürfte die nationalpolitische Rede, noch dazu bei einer Wallfahrt, eine herbe Enttäuschung bedeuten.
Dechant Janko Krištof ist in der Diözese u.a. für das „Slowenische Seelsorgeamt“ zuständig und fungiert als Herausgeber der slowenischen Kirchenzeitung „Nedelja“. Slowenischnationale Themen stehen im Zentrum dieser Kirchenzeitung. Krištof ist aber auch Obmann des Christlichen Kulturverbandes und somit Funktionär des besonders slowenischnationalen Rates der Kärntner Slowenen. Aus christlicher Sicht stellt sich die Frage, ob Nächstenliebe und völkischer Eigennutz vereinbar sind.
Die bedenkliche nationalpolitische Orientierung des Priesters kann die Katholische Kirche in Österreich nicht stillschweigend zur Kenntnis nehmen.

In diesem Zusammenhang ist erwähnenswert, dass die Bundesregierung für Wiener Bürgerinnen und Bürger mit Migrationshintergrund derzeit Minderheitenrechte strikt ablehnt. Man fürchtet auch den Einfluss aus dem jeweiligen Mutterland.
Das Interesse an der Minderheitenregelung in Kärnten wird zu Vergleichszwecken rapid steigen.

 

1 Nedelja, 9.8.2020, S. 5.

2 Das öffentliche Absingen von slowenischen Liedern wurde vor der Volksabstimmung in der Zone A von den slowenisch-jugoslawischen Besatzungsgremien als Wahlpropaganda genützt. Deutsche Kärntnerlieder galten hingegen als feindliche, pro-österreichische Propaganda. 

3 Igor Omerza, BombenAttentate, Klagenfurt, Verlag Hermagoras 2012, S. 452.
Alfred Elste – Wilhelm Wadl, Titos langer Schatten, Bomben- und Geheimdienstterror im Kärnten der 1970er Jahre, Klagenfurt 2015, S. 14.

4 https://vaticannews.va/sl/svet/news/2020-08/predavanje-du…, 3.8.2020.
https://www.domovina.je/srecanje-treh-slovenij-visarje-koroski-sl…, 2.8.2020; http://www.druzina.si/ICD/spletnastran.nsf/clanek/kristof:-sto-let-…, 2.8.2020.

5 https://kaernten.orf.at/stories/3059664/, 27.7.2020. Dabei sind allerdings peinliche Fehler passiert: die Landesfarben werden mit „rot-weiß-gelb“ (sic!) angegeben und bei der Pressekonferenz wird die Kärntner Fahne von Pucker, Kaiser, Gruber und Christiane Ogris seitenverkehrt präsentiert (Kronen Zeitung, 28.7.2020, S. 18).

6 Die Vernichtung der deutschen Minderheit in Slowenien, in: Jože Dežman, Hanzi Filipič, Heisse Spuren des Kalten Krieges, Klagenfurt, Verlag Hermagoras 2013, S. 51.

7 https://www.derstandard.st/story/2000119478070/integrationspolit…, 20.8.2020.