Fackelträger: Sozialistischer Realismus als Metapher für den realen  Sozialismus?

Info Nr. 98

10.9.-11.10.2026  Graz – Ausstellung „Widerstand aufstellen? Ustanovitev odpora?“
Projektleitung: Isabella Burtscher und Jakob Holzer. Künstler: Nicole Six und Paul Petritsch. Programmiert von Gabriele Mackert. Eine Ausstellung von Zveza koroških partizanov/Verband der Kärntner Partisanen in Kooperation mit Muzej/Museum Peršman, kärnten.museum.
Kontakt und Info: Institut für Kunst im öffentlichen Raum Steiermark (Prospekt). Zum Team gehört auch Peter Pirker – kärnten.museum. (Quelle: www.krone.at/4290252, Abruf: 19.10.2026.)
Förderer: Zukunftsfonds der Republik Österreich; BM für Bildung; BM für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport; Land Kärnten/Volksgruppenbüro; Land Kärnten/Kunst und Kultur; Hans Sima Privatstiftung. In Kooperation mit dem steirischen Herbst 26, steirischerherbst 26 („steirischer Herbst 26“ ist durchgestrichen).  

Information laut Prospekt: Jahrzehntelang stand im Keller des slowenischen Kulturvereins Radsberg/Radiše in Kärnten/Koroška ein bronzener Fackelträger. Der kroatische Künstler Marijan Matijevic´ (1907-1971) fertigte die Figur Ende der 1940er- Jahre gemeinsam mit zwei weiteren Denkmälern in Erinnerung an den Partisanenwiderstand in Kärnten/Koroška. (…) Nach  fast 80 Jahren im Keller wird die Figur nun im Rahmen einer Ausstellung der Öffentlichkeit präsentiert. Die Ausstellung erzählt die Geschichte der Skulptur und eröffnet zugleich Raum für die Auseinandersetzung mit Erinnerungskultur. Was erzählt die Geschichte der Skulptur über die Geschichte des Widerstands? Was bedeutet es heute, an den Widerstand zu erinnern? (…)

Der Fackelträger wurde bereits im Rahmen der Landesausstellung 2025 „Hinschaun! Poglejmo!“ im Kärntner Landesmuseum ausgestellt. Auch damals beschränkte man sich auf die Geschichte des Widerstands und thematisierte die revolutionäre Gewalt nicht. Laut den Ausstellungstexten stehe diese Figur mit dem roten Stern für eine lichte Zukunft des Sozialismus. Gerade in der von der KPÖ geführten Stadt Graz müsste eine Figur mit Symbolen, die auf die kommunistische, jugoslawische Weltanschauung verweisen und die Hoffnung für eine Zukunft ohne Unterdrückung verkörpern sollen, von der Politik kritisch registriert werden. Die Ausstellung wird von Ministerien und vom Land Kärnten gefördert. Die Förderung durch das Volksgruppenbüro des Landes ist kontraproduktiv, da die slowenische Minderheit in Kärnten größtenteils  katholisch orientiert ist und der kommunistischen Partisanenbewegung misstraut.  
Einige Ausstellungstexte zum Fackelträger („Luzifer“?):
– „Die Fackel. Eine entzündete Fackel bringt Licht ins Dunkel. (…) Der vorwärtsstrebende Fackelträger leuchtet den Weg in eine bessere Zukunft“
– „Der Stern. Mit Abstand betrachtet hat die Figur die Form eines fünfzackigen Sterns. (…) Der rote Stern steht dabei auch für die lichte Zukunft des Sozialismus“
– „Symbole und Stil. Die drei Partisanendenkmäler sind im Stil des sozialistischen Realismus gestaltet. Diese Kunstrichtung sollte die neue Gesellschaftsordnung in Jugoslawien widerspiegeln. (…) In Österreich ist dieser Stil ungewöhnlich. Er verweist auf den Einfluss der jugoslawischen Erinnerungskultur in Kärnten/Koroška. Für die Kärntner PartisanInnen verkörperte die Figur die Hoffnung auf eine Zukunft ohne Unterdrückung. Der Künstler Marijan Matijevic stattete die Figur mit vielen Symbolen aus. Diese verweisen auf die Weltanschauung  der PartisanInnen in Jugoslawien. Der einfache Soldat wird zum Helden. Was bedeuten die Symbole?“
– „Massaker am Peršmanhof. Zwei Wochen vor Kriegsende verübten Angehörige des SS-Polizeiregiments 13 am Peršmanhof in Bad Eisenkappel/Železna Kapla ein Massaker an den Familien Sadovnik und Kogoj. (…)“
– „Das Video zeigt den Einsatzleiter bei der Durchsuchung des Museums am Peršmanhof. (…) Aufnahme: TeilnehmerInnen des antifaschistischen Bildungscamps, 27. Juli 2025“

Der gezeigte Fackelträger ist also mit der Bildsprache des kommunistischen Jugoslawien verbunden. .In Slowenien würde diese Jugoslawien-Nostalgie heute auf Widerstand stoßen. Beispielsweise wurden die Fahnenträger des Partisanenverbandes Sloweniens zur Feier anlässlich des Tages der Souveränität, die am 25.10.2026 in Koper stattfand, nicht eingeladen. Alle seien willkommen, allerdings ohne die Symbole des (jugoslawischen) Aggressors, betonte Regierungschef Janez Janša.1
Die linken Politiker, wozu auch Staatspräsidentin Nataša Pirc Musar  gehört, blieben der Staatsfeier deshalb fern.
Ist der „Fackelträger“  eine Symbolfigur für  Josip Broz Tito?
Man kann Josip Broz Tito im übertragenen wie auch im ganz wörtlichen, historischen Sinne zweifellos als „Fackelträger“ bezeichnen. In Jugoslawien gab es bekanntlich einen extremen Personenkult um Josip Broz Tito. Der logistische Höhepunkt dieses Kults war die „Stafette der Jugend“. Jedes Jahr liefen Tausende Jugendliche monatelang quer durch das Land und reichten eine kunstvoll gestaltete Stafette (ähnlich einer olympischen Fackel) weiter. Mit dem Slogan „Vorwärts mit Tito“ haben bereits die Erstklassler bei Unterrichtsbeginn die Lehrerin begrüßt.2
Der vorwärtsstrebende Fackelträger, der den Weg in eine bessere Zukunft leuchtet, dürfte in Erwartung eines  Anschlusses an Jugoslawien von den Kärntner Partisanen in Auftrag gegeben worden sein. Der sozialistische Realismus war jene Kunstrichtung, die die neue Gesellschaftsordnung in Jugoslawien widerspiegelte. Im Jahre 1949 sind die Chancen für den Anschluss  geschrumpft und der Fackelträger entsprach nicht mehr dem Zeitgeist.  Im Rahmen des Kärntner Erinnerungsjahres 2025 konnte diese „jugoslawische“ Figur wieder öffentlich im Kärntner Landesmuseum präsentiert werden. Mit öffentlicher Unterstützung kann der Kärntner Partisanenverband nun auch in anderen Bundesländern seine Ideologie verbreiten.
Der Start in Graz dürfte kein Zufall sein.

               Fackelträger
                                   Josip Broz Tito

FackelträgerJosip Broz Tito

In der „Konferenz zum Faschismus der Gegenwart&Möglichkeiten des Widerstands“ im Forum Stadtpark  vom 16.10.2026 bis 18.10.2026 wurde das Thema der Ausstellung „Widerstand aufstellen? Ustanovitev odpora?“  wissenschaftlich aufbereitet: Die Uhr scheint zu ticken. Wann erkennen wir, dass der Faschismus zurückkehrt – und bleibt dann noch Zeit zu handeln? Die Folgen der kapitalistischen Produktionsweise verschärfen sich und zeigen sich in einer zunehmend sichtbaren Kultur der Härte und der Entwertung von Menschenleben. (…) Die Konferenz soll Raum bieten, um neue Faschismustheorien, autoritäre Dynamiken, politische Entwicklungen zu diskutieren – ebenso wie Möglichkeiten kollektiven Schutzes und antifaschistischer Gegenarbeit. Mit Beiträgen von:
Natascha Strobl, Clara Mattei, Simon Strick, Anna Kraher, Roland Meyer, Andreas Kranebitter, Kelly Rogers, Carolyn Defrin, Clemens Lahner, Društvo/Verein Peršman u.v.m.
3

 

Resümee:
Mit dieser vom Kärntner Partisanenverband  gestalteten Wanderausstellung wird die spezielle Kärntner Erinnerungskultur des Jahres 2025 fortgeschrieben. Die erinnerungspolitische Ausrichtung des Gedenkjahres 2025 wird vom damaligen Landeshauptmann und Kulturreferenten Peter Kaiser unterstützt. Aus demokratiepolitischer Perspektive wäre zu beachten, dass der Kärntner Partisanenverband den Zweck erfüllt, „die antifaschistische und demokratische Gesinnung im Sinne der Tradition und Geschichte des Volksbefreiungskampfes zu stärken“.4 Diese Gesinnung wird heute nicht mehr generell als demokratisch eingestuft. Die Partisanenbewegung wird weiterhin auf den NS-Widerstand beschränkt und die revolutionäre Seite der Partisanengeschichte weggelassen.  Die Geschichtsauffassung stimmt im Wesentlichen mit der strategischen Ausrichtung der Tito-Partisanen in und nach dem Zweiten Weltkrieg überein. Für die Umsetzung dieser Ideologie wurden Kultur und Kunst eingesetzt. Der Fackelträger ist ein leuchtendes Beispiel dafür. Vergessener Fackelträger soll Erinnerung fördern, heißt es zur Ausstellung in den Medien. Im Geiste des Fackelträgers werden auch Filme produziert und die Ideologie europaweit verbreitet (z. B. Mila/Marija, Regie: Andrina Mračnikar).
Kultur und Bildungseinrichtungen waren neben dem Schulwesen unter kommunistischer Herrschaft in Titos Jugoslawien  starke Werkzeuge der ideologischen Erziehung. Damit sei das gesellschaftliche Bewusstsein geprägt und die Werte der kommunistischen Revolution erhalten worden. Die Kultur sei ein ideales politisches Werkzeug, da es so unbedeutend und neutral erscheint, wird von Kennern der slowenischen Erinnerungskultur festgehalten.5
Die KI bringt es auf den Punkt: Autoritäre Bewegungen instrumentalisieren Kunst und Kultur, um rationale Debatten durch emotionale Identitätsnarrative zu ersetzen. Da Kultur auf Symbole, Mythen und Zugehörigkeit abzielt, erweist sie sich in den Köpfen ihrer Anhänger oft als immun („unanfechtbar“) gegen faktische Wahrheit. Eine idealisierte, oft erfundene „goldene Ära“ der Vergangenheit wird als heiliges Ziel der Gegenwart inszeniert. Komplexe gesellschaftliche Realitäten werden durch sentimentale, klare Gut-Böse-Bilder (z.B. im sozialistischen Realismus oder völkischer Kunst) ersetzt. Kunst wird genutzt, um die eigene Gruppe gleichzeitig als unbesiegbar und permanent bedroht darzustellen. Verrat statt Diskurs: Wer den kulturellen Mythos mit Fakten angreift, betreibt in den Augen der Bewegung keinen rationalen Widerspruch, sondern sakralen Verrat an der Gemeinschaft. Kultivierung des Opfermythos immunisiert gegen Kritik. Jeder Widerspruch wird als feindlicher Angriff gedeutet, so argumentiert die KI.
Mit dem Hinweis auf die „kapitalistische Produktionsweise“ und die mutmaßliche Rückkehr des Faschismus wird oft der fehlende Glaube an die derzeitige Demokratie zum Ausdruck gebracht. Es steht das Vertrauen in die Demokratie selbst auf dem  Spiel, wird in einem Kommentar im Zusammenhang mit den Protesten in Frankreich befürchtet.6 Dort haben aktuell linke Gruppen zu Demos aufgerufen. Inwieweit es Gewaltaufrufe gibt, könne man  nicht sagen. Die extreme Linke sei ein konstruiertes Feindbild, wird aus linker Perspektive argumentiert7.
Unter dem Titel „Revolte der Ränder“ nimmt Hubert Patterer eine realistischere Position ein: „Ein Gebräu aus linksradikalen und migrantischen Faschos drosch auf die bürgerliche Warenwelt ein, auf Zeugnisse des christlichen Erbes und des liberalen Rechtsstaates. (…) Neu ist die unheilige Allianz aus Linksextremismus und islamistischen Milieus. Das Anti-Jüdische verbindet das ungleiche Paar, in Berlin wie in Paris“. Patterer thematisiert  auch die populistische Rechte: „Weil die politische Mitte ermattet und erledigt zuschaut, beschäftigt mit dem eigenen Bedeutungsverlust, kann sich die populistische Rechte als wahre Gegenkraft in Szene setzen, als die Retterin des Abendländischen. Le Pen gegen Melenchon, ganz rechts gegen ganz links, auf diese Polarisierung steuert nicht nur das benommene Frankreich zu, sondern halb Europa. (…) Es kommen härtere Tage“.8 Der Mob vom Wochenende in Frankreich schwang  laut Patterer Palästinenserfahnen. In diesem Zusammenhang muss man die Antifa-Camps beim Perschmannhof in Erinnerung rufen. Auch ein Blick von Graz nach Berlin und Paris wirkt beunruhigend. „Altkanzler Kurz befürchtet bürgerkriegsähnliche Szenen in Wien“.9
Kärnten stand bereits in den 1970er Jahren am Rande eines Bürgerkrieges. Aus den damaligen Erfahrungen lassen sich Lehren für die Gegenwart ziehen.  Wir dürfen uns tatsächlich keine Erinnerungslücken mehr erlauben.
In diesen europäischen Kontext müsste die Kärntner Politik das Thema Perschmann (Peršman) einordnen und der Wahrheit zum Sieg über ideologische Identitätsnarrative verhelfen. Von Kärnten sollte künftig ein demokratischer Widerstand gegen faschistische, nationalistische und kommunistische Ideologien im Sinne der bekannten Entschließungen des Europäischen Parlaments ausgehen. 

25.10.2026

 

1 https://www.rtvslo.si/slovenija/jansa-slovenija-ni-dokazala-da-je-samo-vstala-ampak-je-tudi-obstala-govor-pospremili-zvizgi/798021, Abruf: 25.10.2026.

2 Domovina, 15.10.2026, S. 36; Im Zeichen der Ideologie des roten Sterns. Autor: Igor Gošte.

3https://forumstadtpark.at/de/programm/alerta-konferenz-zum-faschismus-der-gegenwart-und-moeglichkeiten-des-widerstands, Abruf: 16.10.2026.

4https://www.partizani.at/de/namen, Abruf: 21.8.2025.

5 DDr. Verena Vidrih Perko, Domovina, 8.10.2026, S. 34.

6 Maria Schaunitzer, Die Wut der Franzosen. Kleine Zeitung, 19.10.2026, S. 7.

7 Katharina Fritsch, Protestforscherin. „Die extreme Linke ist ein konstruiertes Feindbild“, Quelle: Der Standard, 22.10.2026, S. 5.

8 Briefe zur Zeit, von Hibert Patterer, Revolte der Ränder, Quelle: Kleine Zeitung, 24.10.2026, S. 7.

9 Maximilian Werner; https://www.derstandard.at/story/3000000344914/altkanzler-kurz-fuerchtet-buergerkriegsaehnliche-szenen-in-wien, Abruf: 20.10.2026.