23. August, ein europäischer Gedenktag

Europa Flagge - Info 44
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Kärnten gedenkt nicht der Opfer aller totalitären Regime

 

23.8.2021  Gedenktag – Das Europäische Parlament bestimmte den 23. August zu einem Gedenktag an die Opfer aller totalitären Regime. An diesem Tag sollte alljährlich der Opfer des Nazismus, Stalinismus sowie der faschistischen und kommunistischen Regime gedacht werden.
In Kärnten wird diese pazifistische Aktion ignoriert.

Die Europäische Kommission veröffentlichte am 20.8.2021 dazu eine Erklärung von Vizepräsidentin Jourova und Kommissar Reynders: „Vor mehr als achtzig Jahren, am 23. August 1939, unterzeichneten Deutschland und die Sowjetunion kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges den Molotow-Ribbentrop-Pakt. Für viele war dieser schicksalhafte Tag der Beginn nationalsozialistischer und sowjetischer Besatzung und Gewaltherrschaft. (…) Wir würdigen das Leid aller Opfer und ihrer Familien und auch die dauernden Spuren, die diese traumatischen Ereignisse bei den nachfolgenden Generationen von Europäerinnen und Europäern hinterlassen haben. (…) Freiheit von Totalitarismus und Autoritarismus ist keine Selbstverständlichkeit. Wir müssen jeden Tag aufs Neue dafür kämpfen. (…) Der Tag ist ein Anlass, die Erinnerung an die Opfer lebendig zu halten, von denen viele Millionen schweres Leid ertragen mussten, lange noch, nachdem der Zweite Weltkrieg beendet und das Nazi-Regime besiegt war“.1

Gewisse Kritiker erblicken im Gedenktag die Gefahr, dass die unterschiedlichen Intentionen der beiden damaligen Diktaturen verschwimmen, was vor allem den Opfern des Holocaust nicht gerecht wird. Andere bemängeln hingegen, dass das Leid der Osteuropäer nicht genügend gewürdigt wird, wenn alle staatlichen Gräultaten mit einem einzigen Gedenktag abgehandelt werden. Diese widersprüchlichen Positionen dürften der Grund dafür sein, dass in vielen westeuropäischen Staaten dieses Gedenken bedauerlicherweise vernachlässigt wird. In Schweden und in vielen Staaten Osteuropas sowie im Süden Europas wird der europäische Gedenktag aber friedensstiftend begangen.2

In Slowenien fanden aus diesem Anlass eine internationale Konferenz zum Gedenken an die Opfer totalitärer Regime und Kranzniederlegungen statt. Srebrenica sei nicht das größte Verbrechen im ehemaligen Jugoslawien nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen. In Jugoslawien habe man nach dem Krieg nämlich eine halbe Million Menschen ermordet, erinnerte Regierungschef Janez Janša.3
Der Laibacher Erzbischof Zore sagte in seiner Predigt bei der Messe für die Opfer totalitärer Regime: „Auch wir haben uns hier versammelt, damit die Opfer totalitärer Regime nicht in Vergessenheit geraten. Dieser zweite Tod, der Tod der Opfer im Gedenken der Lebenden, wäre noch viel tragischer“.4 Der Kärntner Bischof Josef Marketz feierte allerdings am 9.7.2021 im Klagenfurter Dom eine heilige Messe für die Initiative „Feiertag des Widerstandes Svobodni-Befreit“. Marketz begrüßte die Anwesenden als „Aktivisten für die Freiheit“. Er freute sich darüber, dass so viele Menschen jener gedenken, die sich der nazistischen Gewalt widersetzt haben. Marketz: „Seien wir stolz darauf, dass insbesondere die Kärntner Slowenen gegen das nazistische Morden gekämpft haben. Persönlich bin ich stolz, dass meine Tante in den Widerstand gegangen ist“.5 Die Diskrepanz zwischen den Positionen der „slowenischen“ Bischöfe Zore und Marketz macht deutlich, wie weit wir von einer konsensualen Geschichtsauffassung entfernt sind. Während der Laibacher Erzbischof  bei seiner Messfeier insbesondere der Opfer der Tito-Partisanen (angeblich rund 500.000) gedachte, würdigte der Klagenfurter Bischof die Epigonen der Tito-Partisanen als Aktivisten für die Freiheit.

In Kärnten wird ein Gedenktag für die Opfer aller totalitären Regime derzeit nicht einmal in der katholischen Glaubensgemeinschaft praktiziert. Dieselbe bedenkliche Realität trifft auch auf die Landespolitik zu.
Heuer war es nicht mehr möglich, mit einem Leserbrief in der Kleinen Zeitung (Chefredakteur: Wolfgang Fercher) auf diesen pazifistischen Gedenktag aufmerksam zu machen. Die Kleine Zeitung war nicht bereit, am 23. August 2021 folgenden kurzen Leserbrief zu veröffentlichen:
Das Europäische Parlament bestimmte den 23. August zu einem Gedenktag an die Opfer aller totalitären Regime. An diesem Tag sollte alljährlich der Opfer des Nazismus, Stalinsmus sowie der faschistischen und kommunistischen Regime gedacht werden. Es sollte insbesondere eine ehrliche Debatte über deren Verbrechen im vergangenen Jahrhundert geführt werden.
Nazistische, stalinistische sowie faschistische und kommunistische Traditionsträger treten aggressiv gegen den europäischen Gedenktag ein. Die Seite der Täter will also um jeden Preis dieses Friedensgedenken unterbinden.
Paradoxerweise gibt es in Kärnten keine Initiativen, um im europäischen Geist die Opfer zu ehren, die einzelnen Täter zu  verurteilen und damit die Fundamente für eine Aussöhnung auf der Grundlage von Wahrheit und Erinnerung zu legen. Sogar die offizielle Kärntner Landesausstellung 2020 lässt Ansätze für eine europäische, friedliche Zukunftsvision vermissen.
Wer kann das noch verstehen?
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In der meinungsbildenden Kleinen Zeitung gab es am 23. August überhaupt keinen Hinweis auf den europäischen Gedenktag. Auch die Landespolitiker schwiegen dazu!

Kärnten scheint in eine Nationalismusfalle geraten zu sein.

 


 

1 Europäische Kommission, Brüssel, 20. August 2021, Statement/21/4283.

2 Vgl. dazu: Ana-Maria Rechberg,Quelle: www.heavenonair.de/auch-das-noch/vergessener -gedenktag-fu, 23.8.2021.

3 https://volksgruppen.orf.at/slovenci/stories/3118098/, 23.8.2021.

4 https://katoliska-cerkec.si/dan-spomina-na-zrtve-totalitarnih-rezimov, 23.8.2021.

5 Novice, 16.7.2021, S. 4.

6 Der Leserbrief wurde an die Kleine Zeitung bereits am 10.8.2021 mit der höflichen Bitte um Veröffentlichung gesendet.