Europeada 2022

Der Kärntner Landeshauptmann und das Team Koroška
Der Kärntner Landeshauptmann und das Team Koroška

Von der Öffentlichkeit ignoriert
Wer ist Slowene?

 

25.6.-3.7.2022  Europeada 2022 in Kärnten – 31 Mannschaften (24 männlich, 7 weiblich) haben sich für die „Europeada“ (Europa-Meisterschaft der autochthonen Minderheiten/Volksgruppen/ Volksgemeinschaften) angemeldet.
Die Europeada wurde von der FUEN gemeinsam mit dem Rat der Kärntner Slowenen (NSKS, Obmann: Valentin Inzko) und mit besonderer Förderung des Landes Kärnten (LH Peter Kaiser) durchgeführt.1

Das Turnier diente der Festigung des Nationalbewusstseins und der Zugehörigkeit zur Volksgemeinschaft (narodna skupnost)“.2 Die Europeada wecke unter den teilnehmenden Fußballern „ein neues Nationalbewusstsein und einen Nationalstolz“.Unser wichtigster Partner bleibt weiterhin das Amt der Republik Slowenien für die Slowenen im benachbarten Ausland“, so Marko Loibnegger (Sekretär des Slowenischen Sportverbandes).3  Die Europeada habe die Funken gezündet, damit die Menschen wieder ihre (nationale) Identität finden und beleben.4
Aus „Kärnten“ wurde „Kärnten/Koroška“, danach ein „Koroška/Kärnten“ und schließlich nannte sich das Team nur noch einsprachig slowenisch Koroška: „Südtirol und Team Koroška holen den Europameistertitel“, konnte man auch in deutschsprachigen Medien lesen.5
Fußball sei ein Ventil für den Nationalismus,
weil man klar zwischen Freund und Feind unterscheiden kann, berichtet Georg Spitaler (Uni. Wien) in der Kleinen Zeitung zutreffend.6 Der Wiener „Fanpolizist“ Oberst Wolfgang Lang erzählt, warum im Amateur-Fußball oft die Fäuste fliegen: „Unterschiedliche Ethnien spielen oft eine Rolle“.7
(Dazu ein Rückblick: Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahre 1933 ist der Fußballsport politisiert worden. Die Funktionäre der Vereine bauten den Fußball als „Nationalsport“ aus. Mit großem Einsatz versuchte man, die NS-Ideologie in die sportlichen Aktivitäten zu integrieren.)
Im Rahmen der Europeada 2022 fand auch eine Podiumsdiskussion zum Thema „Anstoß zur erfolgreichen Zukunft der Volksgruppen“ statt. Es diskutierten Kathrin Stainer-Hämmerle, Rudi Vouk, Olga Voglauer und Lorant Vincze.8 Stainer Hämmerle anerkennt, dass Österreich die Unterstützungen erhöht hat, aber „von einer Milliarde für die Volksgruppen habe ich noch nichts gehört“, polemisierte die Politikwissenschaftlerin.9

1. Was ist die FUEN ?
Der renommierte Politikwissenschaftler Samuel Salzborn geht in seiner Dissertation, die von Prof. Anton Pelinka begutachtet worden ist, davon aus, dass von der FUEV (heute: FUEN) die Distanz zum Nationalsozialismus zwar formell gewahrt wird, die inhaltliche Grenze jedoch schwer zu ziehen sei. Diese national-konservative Organisation wird vom Politikwissenschaftler mit „völkischer Subversionstätigkeit“, einer „deutsch-völkischen“ Haltung und einer mit „NS-Politik kontaminierten Volksgruppentheorie“ in Verbindung gebracht. In diesem Zusammenhang wird insbesondere der „vormalige“ (Kärntner) NS-Volksgruppentheoretiker Theodor Veiter erwähnt.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann das bis Ende der 1930er Jahre währende Eldorado der Volksgruppentheorie. In Konsequenz auf den Nationalsozialismus wurde die Volksgruppentheorie auf internationalem Parkett nach 1945 einhellig kategorisch abgelehnt. Seitdem sich die Öffnung des europäischen Minderheitenrechts für völkische Positionen abzeichnete, verlagerten sich die Aktivitäten der völkischen Theoretiker und Interessensverbände (also auch der FUEN) „wieder stärker auf das Feld der Konfliktschürung zur Erhöhung des politischen Drucks“, so Salzborn.10

Lorant Vincze, er gilt als  Vertrauter des ungarischen Präsidenten Viktor Orban, ist Präsident der FUEN. Vincze ist Angehöriger der ungarischen Minderheit in Rumänien.  Orban gab bei dieser Minderheit eine Erklärung ab, die nicht nur von der österreichischen Öffentlichkeit heftig kritisiert worden ist. Auch das Auschwitz-Komitee war über die Aussagen von Ungarns Orban empört und sprach von „rassistischen Grundtönen“. Orban sagte, dass es eine Welt gebe, „in der sich europäische Völker mit den Ankömmlingen von außerhalb Europas vermischen“. Das sei eine „gemischtrassige Welt“. Die Ungarn würden aber nicht zu „Gemischtrassigen“ werden wollen.11
Orbans Erklärung stimmt mit den Hauptgrundsätzen der FUEN überein. Darin wird laut dem Politikwissenschaftler Salzborn „eine komplette ethnische Separierung von Menschen“ gefordert.12
Wie die FUEN-Europeada setzt auch Orban den Fußball für seine völkisch-nationalen Absichten gezielt ein. Im Siedlungsgebiet der ungarischen Minderheit in Slowenien finanziert er seit 2017 die „Fußballakademie Nafta“. Das sei eine Plattform für die „Erziehung“ der „ungarischen“ Kinder ab dem Kindergartenalter.13 Orbans nationales Fußballprojekt stößt in Slowenien erwartungsgemäß auf Ablehnung.
Lorant Vincze (FUEN) stimmt im Wesentlichen mit Orbans Absichten überein. Vincze: „Man kann erkennen, dass Ungarn sowohl die nationalen Minderheiten in Ungarn als auch die Ungarn im Ausland sehr unterstützt. (…) Nationalismus ist keine schlechte Sache, wenn er darauf abzielt, die nationale Identität und Kultur zu stärken und ein gemeinsames Narrativ für die Menschen zu kreieren. (…) Heute möchte Ungarn keine Immigranten als Arbeitskräfte einsetzen und dies sollte respektiert werden“.14 Diese Verharmlosung des Nationalismus ist äußerst problematisch.
Ilija Trojanows hielt am 26.7.2022 zur Eröffnung der Salzburger Festspiele eine fulminante Rede und sagte u.a.: „Was haben wir aus den Katastrophen des 20. Jahrhunderts gelernt, wenn nicht dies: Nationalismus führt zu Krieg. Unweigerlich. Nur eine Frage der Zeit“.15

2. Wer ist ein Slowene und für das „Team Koroška“, also für Slowenisch-Kärnten, spielberechtigt?
Die Kärntner Fußballer und Fußballerinnen werden in slowenische und deutsche (oder deutschtümlerische) Menschen geteilt. Nach welchen geheimen und geheimnisvollen Beobachtungen hat Teamchef Marjan Velik die Zugehörigkeit des einzelnen Sportlers zur slowenischen Volksgruppe (Volksgemeinschaft) ermittelt? Nach wissenschaftlichen Untersuchungen bekennen sich nämlich viele slowenischsprachige Jugendliche nicht zum slowenischen Volk, sie wollen Kärntner oder Österreicher sein. Dass die Jungen „in mehreren Identitäten“ lebten wird im Zusammenhang mit der Windischenfrage sogar von Jože Kopeinig (Sodalitas Tainach) einbekannt.16
Der Torschütze Florian Verdel konnte beispielsweise die Frage nicht beantworten, ob er sich „als Kärntner oder Slowene“ fühle, obwohl seine Oma aus Slowenien kommt. „Schwer zu sagen, es ist recht ausgeglichen“, so Verdel.17 In der Kärntner slowenischen Damenmannschaft Team Koroška spielten Mädchen, die „aktiv Slowenisch sprechen oder slowenische Wurzeln aufweisen“, so die „slowenische“ Fußballerin Lena Krautzer.18
Teamchef Marjan Velik: „Ich halte meine Ansprachen auf Slowenisch, wir haben aber auch zwei Spieler, die kein Slowenisch können. Bei den Damen ist das Sprachverhältnis überhaupt halbe-halbe. Es kriegt schon jeder etwas mit“.19
Somit sind ein völkisch-nationales Verwirrspiel und die Gefahr des Einsatzes rassistischer Kriterien  gegeben. Es gab keine farbigen Sportler auf den Fußballplätzen, was bei normalen europäischen Turnieren undenkbar wäre. Das sollte uns zu denken geben.

Bei der Trennung von Kärntner Fußballern nach slowenischer und deutscher Volkszugehörigkeit dürften auch indoktrinierte Nationalisten auf Hürden stoßen. Beispielsweise dürfte die Frage der slowenischen Volkszugehörigkeit des Jungpolitikers Luka Kaiser, des Sohnes des Kärntner Landeshauptmanns, noch immer nicht geklärt sein. Luka Kaiser sei zweisprachig aufgewachsen und habe sich immer als Kärntner Slowene gefühlt. Er könne nicht verstehen, dass ihm jemand auf Basis der Abstammungstheorie seine Zugehörigkeit in Abrede stellen kann.20 Mindestens 12,5% slowenisches Blut wurde von einem ehemaligen slowenischen Minister für die Auslandslowenen gefordert. Erst dann könnte man sich zur slowenischen Volksgruppe bekennen.
Die Europeada ist auch aus deutschnationaler Perspektive ein positives Ereignis. Beim Turnier kamen  auch (rein-)deutsche Kampfmannschaften zum Einsatz. Das ist in der deutschnationalen Geschichte  ein einmaliger Zustand. Die Europeada stärkt auch den Deutschnationalismus.

Seit kurzem spielt beim slowenischen SAK ein Nigerianer mit Slowenisch-Kenntnissen.21 Dieser Neuzugang wird den Volksgruppentheoretikern bei der völkisch-nationalen Einteilung (hoffentlich) Kopfzerbrechen bewirken. Es ist zu hoffen, dass sie an diesem Beispiel endlich erkennen werden, dass man im 21. Jahrhundert die Menschen nicht nach völkischen  Maßstäben des 19. Jahrhunderts einteilen  bzw. trennen kann. In unserem vielfältigen sprachlichen Heimatland Kärnten kann man die Menschen nicht mehr (nur) auf zwei Sprachen, zwei Kulturen, zwei Volksgruppen, zwei Volksgemeinschaften oder auf zwei Völker reduzieren. In Kärnten gehen allerdings viele Politiker im Sinne des Europeada-Nationalismus weiterhin von zwei Sprachen, zwei Kulturen, zwei Volksgruppen(Volksgemeinschaften) und zwei Völkern aus.22 Nach dieser trennenden nationalen Logik könnte nach der slowenischen Volksgemeinschaft („narodna skupnost“) künftighin auch die vermeintliche deutsche Volksgemeinschaft einmal exklusiv das Land Kärnten repräsentieren. Im Sinne der Europeada könnte man die Kampfmannschaft der slowenischen Volksgemeinschaft gegen die Kampfmannschaft der deutschen Volksgemeinschaft antreten lassen. Wollen wir wirklich in das 19.Jahrhundert zurückkehren? Die völkisch-nationale  Zeit, als der Mensch nichts und das Volk alles war, sollte endlich vorbei sein!

3. Von der Kärntner Öffentlichkeit ignoriert…
Es überrascht nicht, dass von Anfang an die Europeada aus anti-nationalen Erwägungen abgelehnt worden ist. Auch innerhalb der slowenischen Minderheit gab es ernste Differenzen.23
Der Grund liegt darin, dass nicht mehr alle Angehörigen der slowenischen Minderheit die Trennung der Menschen bzw. der Sportler auf „Slowenen“ und „Deutsche“ akzeptieren wollen. Besonders negativ dürfte von einem Teil der Minderheit die national-konservative FUEN eingeschätzt werden. Der SPÖ-nahe Zentralverband slowenischer Organisationen (Obmann: Manuel Jug) kooperiert mit dieser Volksgruppenorganisation nicht und ist seit Jahrzehnten Mitglied  der linksorientierten Vereinigung für bedrohte Sprachen und Kulturen (A.L.C.E.M). Vom 22.-24.7.2022 hielt diese Vereinigung in Klagenfurt ihren Kongress ab. Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ) ließ sich bei dieser Minderheitenveranstaltung vertreten.24
Der persönliche Einsatz von Landeshauptmann Kaiser (SPÖ) für die nationale FUEN-Sportveranstaltung „Europeada“ erscheint bemerkenswert.

Letzten Endes ist auch bei den Kärntner Medien ein Meinungsumschwung eingetreten und sie berichteten nur spärlich von der Europeada. 
Karl Hren: „Die einzige bittere Pille war die Ignoranz der deutschen Medien der Mehrheitsbevölkerung. Ich meine, dass bereits im Hinblick auf die Erklärungen des Landeshauptmannes jeder durchschnittliche Journalist die Dimension und die Bedeutung der Europeada kapieren müsste. Nicht so in Kärnten, wo halt für so manchen die Berge, die den Horizont einschränken, doch zu hoch sind“, heißt es in der Kirchenzeitung Nedelja.25
Der Verein Europeada war von der Berichterstattung der Kärntner, vor allem der deutschen Medien enttäuscht. In Kärnten hätten die beiden großen deutschen Tageszeitungen die Veranstaltung stiefmütterlich behandelt, obwohl eine Tageszeitung (nämlich die Kronen Zeitung) sogar Medienpartner des „großen Ereignisses“ war.26  
Im völkisch-nationalen Geiste der Europeada sind also die Kleine Zeitung und die Kronen Zeitung „deutsche“ Tageszeitungen.
Ich bin darüber sehr enttäuscht, dass die Kärntner Öffentlichkeit die Europeada sehr taktisch ignoriert (übersehen) hat“, beklagte Milena Olip, eine Mitarbeiterin der Europeada, in der slowenischen Kirchenzeitung. Olip: „Das ist meiner Meinung nach auch ein Hinweis dafür, dass man in Kärnten noch manches tun muss“, so Olip.27

Es gibt schwerwiegende Gründe dafür (s.o.), dass die nationalen Sportkämpfe von der Kärntner Öffentlichkeit gemieden worden sind. Auch unsere Informationsplattform, die täglich von mindestens 30 Leserinnen und Lesern aufgesucht wird, hat gegen die Europeada überzeugend argumentiert. So lange allerdings Landeshauptmann Dr. Peter Kaiser die Europeada befürwortet und sich davon nicht öffentlich distanziert, ist mit einem Umdenken nicht zu rechnen.
Die Kärntner Öffentlichkeit hat die Europeada ignoriert. Das gibt Hoffnung für ein politisches   Umdenken und für ein regionales Miteinander ohne nationale Spaltungsversuche.    

 Siehe die Vorinformationen im „Archiv, 29.4.2019“ (Europeada 2020 und ihre dunklen Seiten) und
„Archiv, 20.28.6.2020“ („Fußball ist ein Ventil für Nationalismus“).

P.S. Ende Juni 2022 fand in Laibach auch eine Fußballweltmeisterschaft statt. Der slowenische SAK erreichte den ersten Platz und wurde somit „Weltmeister der Slowenen in der Welt“.28

 

 

1 Novice, 25.2.2022, S. 4.

2 Novice, 29.7.2022, S. 3; Autor: Janko Kulmesch.

3 Novice, 7.7.2022, S. 5.

4 Christina Lausegger, Nedelja, 17.7.2022, S. 9.

5 https://kurier.at/sport/fussball/europeada-suedtirol-und-team-koroska, 3.7.2022.

6 KZ, 17.10.2014, S. 13.

7 KZ, 14.4.2022, S. 22.

8 KZ, 29.8.2022, S. 39.

9 Novice, 24.7.2022, S. 8.

10 Samuel Salzborn, Ethnisierung der Politik,Frankfurt/Main 2005. S. 73, 204, 215, 216, 226, 275, 287.

11 Kronen Zeitung, 27.6.2022, S. 6.

12 Samuel Salzborn, Ethnisierung der Politik 2005, S. 254.

13 Mladina, 10.1.2020, S. 11.

14 https://fuen.org/de/article/Die EU-sollte-der-Beschuetzer-nationaler-Minderheiten-sein, 26.4.2018.

15 https://www.salzburg.gv.at/service_/Dokuments/festspiele2022_rede, 26.7.2022; KZ, 27.7.2022, S. 4.

16 Dialog, Herbstprogramm 9-12/2022, Katholisches Bildungshaus Sodalitas, S. 22.

17 KZ, 2.7.2022, S. 19.

18 Novice, 8.7.2022, S. 6.

19 Kronen Zeitung, 29.6.2022, S. 14. Marjan Velik (ORF-Kärnten, slowenische Abteilung) ist auch im höchsten Gremium des Vereins der Sportjournalisten Sloweniens vertreten. Quelle: Novice, 8.6.2022, S. 25.

20 Novice, 11.8.2017, S. 5, 5.

21 Novice, 17.6.2022, S. 22.

22 LH Peter Kaiser betonte: „Wir sind ein Land mit zwei Kulturen, zwei Volksgruppen (slow: Volksgemeinschaften) und zwei Sprachen“.  In diesem Zusammenhang werden auch „die zwei Völker im Lande“ thematisiert. Quelle: Novice, 31.7.2022, S. 10.

23 Novice, 8.11.2019, S. 4,.5.

24 Novice, 29.7.2022, S. 2; https://zso.slo.at/14315/sprachliche-und-kulturelle-identität-euro…, Abruf: 26.7.2022.

25 Nedelja, 17.7.2022, S. 2.

26 https://volksgruppen.orf.at/slovenci/stories/3163447/, 4.7.2022.

27 Nedelja, 4.9.2022, S. 3.

28 Novice, 29.7.2022, S. 22.